Wir leisten uns eine Kunsthalle

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Bern, Mittwoch 21. August 2013 

Liebe Bernerinnen und Berner,
Liebe Mitglieder und Freunde der Kunsthalle Bern,

 
Die Stadt Bern will sparen. Gleichsam reflexartig erfährt der städtische Kultursektor dabei besondere Aufmerksamkeit. Eine Jungpartei forderte in diesem Zusammenhang jüngst die Schliessung der Kunsthalle Bern. Einen Tag später titelte eine grosse Berner Tageszeitung «Breite Unterstützung für Sparvorschlag» und veröffentlichte Aussagen von Politikern verschiedener Lager, die sich über die angebliche finanzielle Misere der Kunsthalle äusserten. In der Folge wurde vorgeschlagen «die Kunsthalle als eigenständige Institution aufzulösen» und beispielsweise «im Kunstmuseum Bern unterzubringen» oder «zu schliessen bzw. umzunutzen».
 
Ich möchte nicht nur als Direktor der Kunsthalle, sondern für alle Kulturschaffenden sprechen, wenn ich anerkenne, dass Impulse aus der Bevölkerung für eine Debatte über die kulturpolitische Rolle und inhaltliche Bedeutung von Kulturinstitutionen willkommen sind. Die jüngsten Forderungen sind aber nicht bloss alarmierend, sondern gefährlich. Zwei Punkte gilt es nämlich gleich klarzustellen: Für das was sie leistet, ist die Kunsthalle Bern günstig; und: Das Wesen und der Auftrag der Kunsthalle schliessen den Zusammenschluss mit einem Museum aus.
 
Mit der Infragestellung der Unabhängigkeit steht nichts anderes auf dem Spiel als der Platz, den die Gegenwartskunst in unserer Stadt einnimmt – und das heisst gleichzeitig: der Platz, den die Stadt Bern selbst in einem breiteren Kontext der Gegenwartskunst einnimmt. Daher lautet die Frage nicht, ob sich Bern die Kunsthalle leisten kann, sondern vielmehr, ob Bern es sich leisten kann, seine Kunsthalle zu schliessen.

Die Stärke der Kunsthalle 

Die Kunsthalle beteiligt sich an der Produktion von visueller Kultur ihrer Zeit. Im Gegensatz zu einem Museum obliegen der Kunsthalle demnach nicht der Aufbau und die Pflege einer Sammlung von Kunstwerken. Das Fehlen einer solchen Verpflichtung ist die eigentliche Stärke der Kunsthalle. Es verleiht ihr ein hohes Mass an Flexibilität sowie die Chance, ihre Ausstellungen mit grosser Experimentierfreude und einer gewissen Kompromisslosigkeit zu gestalten. Die Kunsthalle ist also kein Museum.
 
Das institutionelle Modell der Kunsthalle hat sich seit dem 19. Jahrhundert fortwährend entwickelt. Überall auf der Welt existieren gemäss dem Kunsthallen-Prinzip organisierte Häuser, die einem stets wachsenden Publikum neue Strömungen der zeitgenössischen Kunst vermitteln. Die Kunsthalle operiert darüber hinaus als öffentlicher Vermittlungsort, der dem kritischen Denken und der ästhetischen Auseinandersetzung verpflichtet ist. Gerade die Schweiz verfügt über ein hochentwickeltes Netzwerk von Kunsthallen, denen genuin internationale Bedeutung zukommt. Die Berner Kunsthalle gehört somit zu einer Reihe ähnlicher Institutionen wie beispielsweise in Zürich, Basel, Genf oder St. Gallen. Es besteht überdies kein Zweifel, dass die bemerkenswerte Vitalität der Schweizer Kunstwelt und die hohe Zahl international erfolgreicher Schweizer Künstlerinnen und Künstler auch der Professionalität, Effizienz und Risikobereitschaft der unabhängigen Kunsthallen in unserem Land zu verdanken sind.

Wir sind günstig 

Eines möchte ich hier nochmals festhalten: Die fünf bis sieben Ausstellungen mit internationaler Ausstrahlung und Vernetzung, welche die Kunsthalle Bern pro Jahr auf die Beine stellt, werden ausserordentlich günstig produziert. Der Betrag der Suvbventionen darf nicht einfach nur durch die Anzahl der Ausstellungen und deren Besucher dividiert werden. Ein Grossteil davon fliesst in die Fixkosten für die Infrastuktur. Konkret beziffert heisst dies, dass jeder Ausstellung von den knapp 1 Mio. Subventionsfranken im Durchschnitt weniger als 60‘000 Franken zufliessen. Man stelle sich dies mal vor. Wieviel soll man da beispielsweise noch in die Werbung stecken, wenn schon für Transporte, Installationen, Versicherungen, Löhne für Aufsichtspersonal kaum genug da ist. An einen Katalog, der auch für Verbreitung sorgen würde, wagen wir in der Regel gar nicht mehr zu denken.
Wer von der Kunsthalle mehr Leistung verlangt, sollte statt für Kürzungen für höhere Beiträge einstehen. Die letzte Erhöhung der öffentlichen Beiträge für die Kunsthalle Bern liegt fünfzehn Jahre zurück. Niemand wird bestreiten, dass die Kosten in unserem Geschäft in dieser Zeit exponentiell angestiegen sind. Diese Stagnation der Subventionen beruht auf einem Einverständnis zwischen uns und der Stadt Bern, auf einer Geste der Solidarität, die wir in damals schon finanziell schwierigen Zeiten unserer langjährigen und treuen Partnerin entgegenbrachten.

Eigenfinanzierungsgrad und Besucherzahlen steigen 

Unser Vertrag mit der Stadt verpflichtet uns, 25% unseres Budgets in Eigenregie zu akquirieren, eine Aufgabe, die wir sehr ernst nehmen. Nach einem knappen Verfehlen im Jahr 2012 haben wir den geforderten Selbstfinanzierungsgrad dieses Jahr bereits erreicht, und dies notabene in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld.
 
Steigend sind auch unsere Besucherzahlen. In meinem ersten Jahr als Direktor kam es gegenüber dem Vorjahr zu einem sehr erfreulichen Anstieg um 26.9%. Ausserdem haben wir soeben eine komplette Revision unseres Kunstvermittlungsprogramms in Angriff genommen, mit besonderem Fokus auf Angebote für Schulen. Unsere mittelfristige Planung sieht vor, die Besucherzahlen bis Ende 2015 mindestens um weitere 10% zu steigern. Darüber hinaus arbeiten wir aktiv daran, die Kunsthalle als Partnerin für verschiedene kulturelle Initiativen in der Stadt zu positionieren und somit zu einem produktiven Austausch mit anderen städtischen Kulturinstitutionen – egal ob gross oder klein – beizutragen.
 
Um diese Entwicklung zu befördern und nachhaltig auszugestalten, ist es unabdingbar, dass unsere Subventionen moderat erhöht werden. Der als notwendig erachtete Betrag von 1,1 Mio Franken ab der nächsten Subventionsperiode 2016–19 entspricht nicht einmal dem Ausgleich der Teuerung seit 2000, und doch würde er uns erlauben, den eingeschlagenen vielverspechenden Kurs fortzusetzen.

Der Blick auf das Wesentliche 

Politikerinnen und Politiker, die sich zwecks kurzfristiger Budgetoptimierung für eine Senkung der an die Kunsthalle Bern ausgeschütteten Subventionen aussprechen oder gar für die Schliessung unseres Hauses plädieren, sollten sich die Konsequenzen solcher Forderungen vergegenwärtigen. Die Kunsthalle Bern gehört nach wie vor zu den bedeutendsten Ausstellungsorten für Gegenwartskunst in der Schweiz. Diese nationale und internationale Ausstrahlung kommt der ganzen Stadt zugute, auch denjenigen Bürgerinnen und Bürgern, die der Kunsthalle nie einen Besuch abstatten. Dieser Status hängt nun an einem seidenen Faden. Eine Kürzung unserer Mittel käme einem Verlust unserer Handlungsfähigkeit gleich und hätte negative Folgen nicht nur für den Kunstplatz Bern, sondern für das Ansehen und die Standortattraktivität von Bern an sich. Und Bern ist nicht irgendeine Stadt, sondern die Hauptstadt der Schweiz und die Repräsentantin unseres Landes gegenüber der internationalen Gemeinschaft. Insofern plädiere ich an die Besonnenheit und Weitsicht und vor allem an das Augenmass unserer Politiker.

Am Wichtigsten ist es, inmitten hitziger Gespräche und Debatten den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Alle sind eingeladen, sich eine eigene Vorstellung der Kunsthalle Bern zu machen. Ihr Zweck besteht darin, allen Interessierten kulturelle Inhalte zu vermitteln und besondere künstlerische Projekte vorzustellen. Die nächste Gelegenheit ist diesen Donnerstag um 18.00 Uhr, wenn wir zu unserer nächsten Ausstellungseröffnung einladen. Wir zeigen Ihnen in einem bisher in der Schweiz nicht gesehenen Umfang das Werk der amerikanischen Künstlerin Virginia Overton. Eine ihrer Arbeiten ist bereits seit einigen Tagen zu sehen – «Cherry», eine kupferne Skulptur auf unserem Dach, der man vieles nachsagen kann: Wetterfahne, Trucker-Ikone, vor allem aber ist sie eine selbstbewusste Frau, die zuversichtlich in die Zukunft weist.
Fabrice Stroun, Direktor Kunsthalle Bern

Vorstand Kunsthalle Bern 

Wolf von Weiler, Präsident

Christian Gossweiler, Kassier

Annet Berger-Furrer
Jacqueline Burckhardt
Alexander Glatthard, Delegierter von visarte.bern

Holger Hoffmann, Delegierter der BKG
Marlies Kornfeld
Sabina Lang
Brigitte Lustenberger, Delegierte von visarte.bern

Peter Schranz, Delegierter der Stadt Bern

Uwe Wittwer